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Die Erlaubnis, schlecht anzufangen

Was ich meinen Kindern über den Anfang sagen würde

13. September 2026 · 4 Minuten

Ich habe eine ziemlich lange Liste von Dingen, die ich angefangen und wieder gelassen habe. Sport, der zu viel wollte. Ernährung, die zu kompliziert war. Systeme, die drei Wochen hielten.

Ich habe diese Liste lange als Charakterfrage gelesen. Zu wenig Disziplin, zu wenig durchgehalten, das Übliche.

Das war falsch. Fast jede Sache auf der Liste hat einen anderen Fehler gemeinsam: Ich habe auf einem Niveau angefangen, das mir noch nicht zustand.

Warum man zu groß anfängt

Nicht aus Ehrgeiz. Aus Verlegenheit.

Mit fünfundzwanzig darf man Anfänger sein. Mit vierzig kommt man sich albern vor. Also überspringt man den Teil, in dem man schlecht ist — und das ist ausgerechnet der Teil, auf dem alles andere steht.

Man fängt nicht dort an, wo man steht. Man fängt dort an, wo man findet, dass ein Erwachsener anfangen sollte. Das sind zwei sehr verschiedene Orte.

Die Zahl, die ich dazu kenne

2010 haben sich am University College London sechsundneunzig Freiwillige je eine neue tägliche Gewohnheit vorgenommen. Zwölf Wochen lang haben sie täglich notiert, wie automatisch sie sich anfühlte.

Bekannt geworden ist daraus eine Zahl: 66 Tage. So lange dauert es angeblich, bis eine Gewohnheit sitzt.

Die Zahl stimmt und sagt trotzdem wenig. Sie beschreibt neununddreißig Teilnehmer — nicht einmal die Hälfte. Bei allen anderen war in zwölf Wochen gar kein Punkt zu erkennen, an dem etwas eingerastet wäre. Und innerhalb der neununddreißig reichte die Spanne von 18 bis 254 Tagen; 66 ist bloß der Wert, der in der Mitte liegt. Wer sich Bewegung vorgenommen hatte, lag bei 91 Tagen — länger, als die Studie überhaupt lief.

Die Zahl, auf die es ankommt, ist also nicht 66. Es sind die 254 und die Hälfte, bei der in zwölf Wochen nichts eingerastet ist.

Wer mit vier Wochen plant, plant für den guten Fall. Und wer für den guten Fall plant, wählt ein Niveau, das nur im guten Fall funktioniert. Drei Wochen — das ist ziemlich genau die Zahl, die dabei herauskommt.

Was daran wirklich schwer ist

Nicht die Anstrengung. Die Anstrengung ist bei diesem Niveau lächerlich klein.

Schwer ist, dass es von außen nach nichts aussieht. Ein Niveau, das man über Monate hält, sieht für jeden anderen aus wie: der macht ja gar nichts. Und diesen Anblick muss man aushalten, ohne nachzulegen.

Das Publikum, vor dem man sich schämt, gibt es meistens nicht. Aber es sitzt ziemlich fest im Kopf.

Wo es bei mir funktioniert

Das Einzige, was bei mir über Jahre gehalten hat, ist so klein, dass ich es sogar im Urlaub weitergemacht habe — zwei Wochen in fremden Zimmern, mit einem Tagesplan, der mir nicht gehörte. Schritte, Liegestütze, Vitalstoffe. Jeden Tag, in ein paar Minuten.

Das ist keine Disziplin. Das ist ein Niveau, das richtig gewählt war.

Und die Liste ganz oben — Sport, der zu viel wollte, Ernährung, die zu kompliziert war — ist die Sammlung der Fälle, in denen ich es falsch gewählt habe. Beides ist von derselben Person.

Was ich weitergeben würde

Deshalb ist das, was ich meinen Kindern mitgeben würde, kein Ratschlag über Disziplin. Es ist eine Erlaubnis.

Ihr dürft etwas schlecht machen. So lange, bis ihr es könnt.

Der Teil, in dem man schlecht ist, ist nicht die Vorstufe der Sache. Bei den meisten Dingen ist er die Sache — und er dauert länger, als in jedem Ratgeber steht.

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